Nightmare at France-House

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Am Abend fällt das Wasser aus, macht nichts, denke ich und gehe schlafen. Mitten in der Nacht schrillt in meiner Küche der Feueralarm los. Ich habe nichts falsch gemacht! Die Brandschutztür ist verschlossen, der Herd ist aus! Schon lärmt auch der Alarm in Flur los, dann der im Wohnzimmer, zum Schluss kommt der aus dem Schlafzimmer dazu, ein schädelsprengendes Crescendo. Auch in den Treppenhäusern, den anderen Wohnungen von France-House ertönen die Sirenen. Alle fluten hinaus, werden angewiesen, den Bereich zu räumen. Kein Rauch, kein Feuer, nur Menschen in Hausschuhen, die versuchen zu verstehen, was los ist. Einige zünden sich Zigaretten an, die werden sofort abgemahnt. Entwarnung, heißt es dann, wir dürfen zurück. Ich liege wieder im Bett, erst schlaflos mit James Lee Burke, dann nicke ich weg und träume, der Campus brennt, mein Computer, da ist mein Buch drin, dass ich schreibe, mein Buch fängt Feuer, alle lachen. Sie kennen das schon, ich flüchte lieber, als Einziger. Es ist nur die Sonne hinter einer Milchglasscheibe, die brennt, rufen sie mir hinterher, ich höre sie nicht. 

Auf der Mile End Road steht alles still, ich weiche aus, lande auf einem verwunschenen Friedhof, treibe den Kanal hinunter. Auf der Themse ankern Kriegsschiffe, die Geschütze aufs East End gerichtet. Die Panzerkreuzer werden von Touristen befehligt, das kann keine Lösung sein, denke ich und entdecke in meiner ruß-schwarzen Hand eine Oyster-Card, sie ist alles, was ich noch besitze.

Ich fahre Central Line, komme nicht weit, mein Guthaben ist aufgebraucht, die Flammen züngeln nach wie vor in meinem Rücken. Im Hyde Park haben sich die Lifeguards aufs Wasser verzogen, harren da der Dinge, vielleicht stürzen sich ein paar Verzweifelte in die Fluten des Serpentine, die können sie dann vorm Ertrinken retten. Andere Überlebende demonstrieren schon seit Stunden am King’s Gate vor der iranischen Botschaft, singen dort gegen Kriege an. Fahnen aus Israel, Iran, Palästina und der Ukraine tanzen im Wind. Drei iranische Jungs, kaum älter als 13, ihre Furcht und ihre Trauer ist viel älter, sie stehlen sich im Courts Café auf die Toilette, trauen sich aber nicht, sich an ein Pissoir zu stellen, warten, ängstliche Blicke um sich werfend, auf eine freie Kabine.

Ich kann nicht warten, denke ich, weil ich nicht weiß, worauf. Prince Albert blickt auf mich herab, gefangen in einer Schale aus Gold, an meiner Seite eine junge Frau aus Palästina. Sie weint herzzerreißend, ich vermag sie nicht zu trösten. Ihre Familie musste vor der Hamas fliehen, erzählt sie mir. Erst drohten sie damit, ihnen den Olivenbaum zu nehmen, der seit Generationen im Hof ihres Hauses die kleinen schwarzen Früchte trug. Dann wollten sie das Haus beschlagnahmen, doch zuerst fällten sie den Baum und ließen sie im Glauben, ihr Haus sei sicher. Das war es nicht, genauso wenig wie sie selbst. Prinz Albert lacht, die goldene Hülle bekommt Risse, die junge Frau löst sich in Luft auf. Ich habe seit Stunden nichts gegessen, wahrscheinlich unterzuckere ich.

Zurück ins France-House kann ich nicht mehr, all meine Sachen wurden versteigert, meine Unterkunft existiert nicht mehr. Die Temperatur fällt, ich habe kaum etwas an, Shorts und T-Shirt, Flip-Flops, die tausche ich gegen Schellfisch ein. Am Untergrundeingang Marble Arch entdecke ich Matratzen und Decken für Obdachlose, wer zuerst kommt, nimmt zuerst. Jetzt habe ich etwas, das ich über die Erde, auf mich legen kann, doch mir fehlt ein Wo, wo soll ich hin? 

Noch sind andere auf den Straßen, Plätzen, sie sind zu mehreren, schlafen nie, sie spielen nur, sehen mich nicht, nur die Überwachungskameras sehen sie und ihre Zuversicht, die mich erleichtert. Am nächsten Morgen wache ich in einem Tunnel ohne Dach auf, Schatten eines Helden an der Wand, es ist nicht meiner.

Die Sonne scheint, die Feuer sind gelöscht, in den Bäumen schnattern fröhlich Halsbandsittiche, wie Papageien, nur viel kleiner. Fish and Chips liegen mir noch immer schwer im Magen, vorsichtshalber wache ich noch einmal auf, liege in meinem Bett im France-House, der Morgen ist längst angebrochen. James Lee Burks „Fremdes Land“ liegt aufgeschlagen auf dem Nachttisch, der Feueralarm schrillt los, wieder oder immer noch.

Ich renne nach unten, diesmal rette ich zuvor noch meinen Computer, mein Buch. Einer von der Security fängt mich in seiner gelben Weste auf, sofort spüre ich Vertrauen. „Alles in Ordnung“, sagt er, „es ist nur eine Probe.“ Sie suchen nach dem Fehler der letzten Nacht, der Ursache des Fehlalarms, deswegen schlagen sie Alarm, und ich stehe da barfuß, mit meinem rosa Apple unterm Arm und warte, wie all die anderen, darauf, dass das ein Ende findet, erst höre ich noch ein Summen und dann Musik, und dann fahre ich meinen Rechner hoch.

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