Sightseeing in Belgravia

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Zeit für einen Ausflug zu Sehenswürdigkeiten, dachte ich. Fahrt nach Westminster, Touristenströme auf und neben der Themse, ich werde fortgespült, ein Italiener versucht mich von der Brücke zu stoßen, er fotografiert Big Ben, ich bin ihm im Weg. Gegenverkehr, immer mehr Menschen, Sprachen, Smartphonkameras, ist zu viel für mich, nicht Westminster Abby, sondern die Menschen, die Besetzenden. Meine Atmung beginnt zu schnappen, ich bekomme Fieber, ich muss da raus. St. James Park, denke ich, Chinatown, verfehle beide Richtungen und bemerke es nicht. Suche Zuflucht in der St. Stephens Church, kein Gottesdienst im Schiff, stattdessen eine Art Flohmarkt für Bedürftige, zugleich auch Kinderspielplatz, lauter Spielgerät, groß und klein, das man in einer Kita vermuten würde, nur die Kinder fehlen. Wieder raus, wo bin ich? Keine Ahnung, ich lande in Belgravia, erst jetzt erkenne ich, dass ich falsch bin, nicht dass die Richtung nicht stimmt, das weiß ich nach wie vor nicht, dass ich mich verirrt habe. In Belgravia sitzen sie mit geschminkten Puppengesichtern in den Straßencafés, ersticken fast an ihrer Bedeutung. Jahrestag der Influencer, denke ich, ihre Blicke so tot wie süchtig nach Anerkennung, Followern, Bitcoins. Das Ich wächst über die Dächer hinaus, ich wundere mich, dass der Bezirk nicht eingezäunt wird, Gated Community, niemand ist über vierzig. Ihre Tassen können sie kaum halten, wissen nicht wie, ohne ihre Pose zu verlieren. Die Frauen sehen durch andere hindurch, die Männer sehen den Feind im anderen, er könnte mehr wert sein als man selbst, das ist unmöglich, darf nicht sein. Der Wert bemisst sich nur am Zustand der Haut, der Frisur, dem Geruch, den Schuhen, dem Einkommen. Sobald ich einem in die Quere komme, wechselt er die Straßenseite. Am Eaton Square endlich begreife ich, dass ich verloren bin. Ich sollte mir kein Ziel setzen, St. James ist für einen verstörten Soziophoben mittlerweile viel zu weit entfernt. Ich war ganz nah dran, St. James Park, Hyde Park, die lagen vor mir, neben mir irgendwann. Ich bin ausgewichen, ahnungslos, das werde ich aber erst herausfinden, wenn ich mich wieder sicher fühle. Auf der Stelle möchte ich ins East End zurück, da fühle ich mich schon fast zu Hause, keine Ahnung, warum ich es verlassen habe. Ich starre auf Google Maps, finde mich nicht, nur den Eaton Square, der hat vier Himmelsrichtungen, ich weiß nicht ob vor oder zurück, rechts oder links, überall sind diese Avatare, die mir den Weg versperren. Ich bin kurz davor zu dehydrieren. Auf keinen Fall werde ich in Belgravia irgendetwas konsumieren, käuflich erwerben, nicht mal Wasser. Victoria Station, die muss hier irgendwo sein, District Line, Mile End, letzte Hoffnung. Ich werde mir Sehenswürdigkeiten nur noch auf Fotos anschauen. Wer entscheidet das, was würdig ist, gesehen zu werden? Die Geschichte, nehme ich an. Oder Bewohner von Belgravia, in ihrer Welt zumindest träumen sie davon.

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