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  • Noch 10 Tage bis London – Systemausfall

    Schreib eine Geschichte, in der eine Zeile deines Lieblingssongs vorkommt, bitte ich dich. Systemausfall, Drohne, Bruder, Schwester, ein Augenblick, das erste Date, all diese Wörter müssen in deiner Geschichte vorkommen, sage ich. Du siehst mich an, was für eine Geschichte soll das sein, fragst du. Woher soll ich das wissen, es ist deine. Aber du gibst mir doch alles vor, wirfst du mir vor. Als wären einzelne Wörter Alles. Nutz mich nicht aus, verlangst du, wenn dir selbst nichts einfällt, ich bin kein Geisterschreiber. Das war’s. Die Wohnungstür fliegt zu, sich entfernende Schritte hallen aus dem Treppenhaus nach, Stromausfall, der Lift fährt nicht. Ich bin allein, es war doch nur ein Spiel. Schreib eine Geschichte, dachte ich, wir spielen, und jetzt ist der Strom ausgefallen, du bist weg, alle Systeme fahren runter. Vor meinem Fenster unterm Himmel taucht eine Drohne auf, rote Lichter blinken, ich höre das Sirren. Bruder, lass das, denke ich. Bestimmt ist es Devrim aus der 3. Etage, der späht gerne durch die Fenster anderer Leute, guckt mir in die Augen. Ich sehe dich nicht, ist dein Augenblick, nicht meiner. Ich taste nach einem Stift, nach einem Blatt Papier. „Date?“ schreibe ich darauf und halte es ins Kameralicht der Drohne. Sie beginnt zu flattern, Devrim wird offenbar nervös. Es wäre unser erstes Date, niemals wird er sich darauf einlassen. Ich bin keine Schwester! höre ich Devrim fluchen, seine Stimme schallt bis zu mir in die 6. hoch. Zwei Nebelkrähen attackieren Devrims Spielzeug. Devrim stürzt ab, seine Drohne zerschellt am Boden, im Hof, neben den Mülltonnen. Die Ratten fliehen, die Nebelkrähen lachen. Das Licht kehrt zurück, der Strom fließt wieder. Es klingelt an der Wohnungstür. Du bist zurück, hoffe ich, hast deinen Schlüssel, den ich dir geschenkt habe, vergessen, hast eine Geschichte für mich, also öffne ich die Tür, doch es ist Devrim, er grinst mich verlegen an. Wie hast du dir das vorgestellt, unser Date? fragt er mich schüchtern, die Hände in den Hosentaschen zu Fäusten geballt. There’s something happening here / But what it is ain’t exactly clear / There’s a man with a gun over there / A-telling me I got to beware

  • Wahl Berlin-Wedding

    Die Frau trägt FFP2-Maske und weiß nicht, wo sie wählen soll. Sie ist in der falschen Schule; es ist die Schule ihrer Tochter, die tanzt ohne Maske vor den Wahlkabinen. Eine Wahlbenachrichtigung hat die Mutter die nie erhalten.

    „Ich will trotzdem wählen“, sagt sie

    Sie soll in die Schule in der Grünberger, teilt man ihr freundlich mit.

    „Und wenn sie mich da auch wieder wegschicken?“

    Das wird nicht passieren, versichert man ihr. Die Tochter wirbelt im Kreis herum.

    „Wo ist das?“, fragt die Mutter. „Mein W-LAN geht nicht.“

    Ein Wahlhelfer beschreibt den Weg.

    „Ach so“, sagt sie. „Da wohn ich um die Ecke.“ Ein Spielplatz ist da , bei der Silberkugel, verspricht sie ihrer Tochter, da kann sie spielen, tanzen, aber erst muss sie noch drei Kreuze machen.

  • Alfred-Döblin-Stipendium 2026

    „Es existieren keine Wahrheiten, nur unterschiedliche Fiktionen.“

    (Stig Larsson: Die Autisten)

  • Mauerpark, Nachmittag, Sonne mit Wolken

    Von ihrem Mann erzählt sie mir, Wolfgang, auf der Parkbank rückt sie immer näher. Vor vier Jahren ist er gestorben, sie hält es nicht aus in der Wohnung ohne ihn, im Park hält sie es auch kaum aus. 42 Jahre hat sie mit ihm zusammengelebt, alles in der Wohnung erinnert sie daran, an ihn, sie beide. Ich wollte als Erste gehen, sagt sie, er ist ihr zuvorgekommen. Eine andere Wohnung kommt nicht in Frage, nein, wohin dann mit der Erinnerung, die gibt sie nicht her, ich soll zuhören, nicht fragen, sie wollte nie nach Berlin, weiß nicht, ob sie Russin ist oder Ukrainerin, ihr Bruder lebt noch in Odessa, da kann, da will sie nicht mehr hin, nicht nach 42 Jahren mit ihrem Wolfgang. Kurz nach dem Mauerfall sind sie nach Stuttgart gezogen, Motoren hat er da gebaut, ihr hat es dort besonders gut gefallen, die Sprache, das Brot, die Märkte, sogar die Menschen mochte sie, nicht so in Berlin, hier gab es nur ihn für sie, hier war er glücklich, weil die Arbeit besser war, ihn nicht unterforderte, und sie war glücklich, weil er es war, ich soll zuhören. Ihr Sohn lebt in Kiel sein eigenes Leben, was soll sie in Kiel, im Kreis läuft sie, wenn sie im Park ist, die ganze Wohnung ist voller Bücher, Wolfgangs Bücher, und seine Gitarre steht da, darauf hat er für sie gespielt, seine Musik hat ihr das Leben leicht gemacht, jetzt ist das Instrument verstummt. Sie könnte auf seiner Gitarre musizieren, ein ungeheurer Vorschlag, das kann sie nicht, weist sie mich zurecht, ihr Sohn spielt Violine, ihn hat sie zur Musik gebracht, damit hat sie ihr Soll erfüllt. Es ist zu warm, sagt sie, überall, sie kann nirgends hin, ihr Wolfgang war ein Schwimmer, zusammen sind sie geschwommen, auch in Odessa, mit dem Bruder, er nur Kraul, sie alles, Brust, Delphin, Rücken, in Berlin kann man nicht schwimmen, nirgends, sagt sie, ich ziehe weiter, sage ich, ich auch, sagt sie, vielleicht noch zur Marienkirche, vielleicht dreht sie auch nur eine weitere Rund im Kreis, ohne ihn, 42 Jahre, nur die zählen, alle anderen sind verloren.

  • Noch 19 Tage bis London

    Über Kaiser werde ich schreiben, über Südstern erzählen

    Den Film Westerland zeigen

    Und meinen Verstand verlieren