Kategorie: Diary

  • Copyshop

    Seit 35 Jahren betreibt Ardil seinen Copyshop, ein paar Jahre will er noch. 

    „Was soll ich sonst machen?“ 

    Ardil bedeutet im Kurdischen „Feuerherz“. Ich frage, wie es ihm geht. 

    „Wie immer“, sagt Ardil. 

    „Ist das gut oder schlecht?“

    Er stutzt. „Mal so, mal so“, sagt Ardil dann und grinst.

  • Wahl Berlin-Wedding

    Die Frau trägt FFP2-Maske und weiß nicht, wo sie wählen soll. Sie ist in der falschen Schule; es ist die Schule ihrer Tochter, die tanzt ohne Maske vor den Wahlkabinen. Eine Wahlbenachrichtigung hat die Mutter die nie erhalten.

    „Ich will trotzdem wählen“, sagt sie

    Sie soll in die Schule in der Grünberger, teilt man ihr freundlich mit.

    „Und wenn sie mich da auch wieder wegschicken?“

    Das wird nicht passieren, versichert man ihr. Die Tochter wirbelt im Kreis herum.

    „Wo ist das?“, fragt die Mutter. „Mein W-LAN geht nicht.“

    Ein Wahlhelfer beschreibt den Weg.

    „Ach so“, sagt sie. „Da wohn ich um die Ecke.“ Ein Spielplatz ist da , bei der Silberkugel, verspricht sie ihrer Tochter, da kann sie spielen, tanzen, aber erst muss sie noch drei Kreuze machen.

  • Alfred-Döblin-Stipendium 2026

    „Es existieren keine Wahrheiten, nur unterschiedliche Fiktionen.“

    (Stig Larsson: Die Autisten)

  • Mauerpark, Nachmittag, Sonne mit Wolken

    Von ihrem Mann erzählt sie mir, Wolfgang, auf der Parkbank rückt sie immer näher. Vor vier Jahren ist er gestorben, sie hält es nicht aus in der Wohnung ohne ihn, im Park hält sie es auch kaum aus. 42 Jahre hat sie mit ihm zusammengelebt, alles in der Wohnung erinnert sie daran, an ihn, sie beide. Ich wollte als Erste gehen, sagt sie, er ist ihr zuvorgekommen. Eine andere Wohnung kommt nicht in Frage, nein, wohin dann mit der Erinnerung, die gibt sie nicht her, ich soll zuhören, nicht fragen, sie wollte nie nach Berlin, weiß nicht, ob sie Russin ist oder Ukrainerin, ihr Bruder lebt noch in Odessa, da kann, da will sie nicht mehr hin, nicht nach 42 Jahren mit ihrem Wolfgang. Kurz nach dem Mauerfall sind sie nach Stuttgart gezogen, Motoren hat er da gebaut, ihr hat es dort besonders gut gefallen, die Sprache, das Brot, die Märkte, sogar die Menschen mochte sie, nicht so in Berlin, hier gab es nur ihn für sie, hier war er glücklich, weil die Arbeit besser war, ihn nicht unterforderte, und sie war glücklich, weil er es war, ich soll zuhören. Ihr Sohn lebt in Kiel sein eigenes Leben, was soll sie in Kiel, im Kreis läuft sie, wenn sie im Park ist, die ganze Wohnung ist voller Bücher, Wolfgangs Bücher, und seine Gitarre steht da, darauf hat er für sie gespielt, seine Musik hat ihr das Leben leicht gemacht, jetzt ist das Instrument verstummt. Sie könnte auf seiner Gitarre musizieren, ein ungeheurer Vorschlag, das kann sie nicht, weist sie mich zurecht, ihr Sohn spielt Violine, ihn hat sie zur Musik gebracht, damit hat sie ihr Soll erfüllt. Es ist zu warm, sagt sie, überall, sie kann nirgends hin, ihr Wolfgang war ein Schwimmer, zusammen sind sie geschwommen, auch in Odessa, mit dem Bruder, er nur Kraul, sie alles, Brust, Delphin, Rücken, in Berlin kann man nicht schwimmen, nirgends, sagt sie, ich ziehe weiter, sage ich, ich auch, sagt sie, vielleicht noch zur Marienkirche, vielleicht dreht sie auch nur eine weitere Rund im Kreis, ohne ihn, 42 Jahre, nur die zählen, alle anderen sind verloren.